Gedichte 2005

 

Das Mahl

Du schweigst, nur Deine Augen sprechen Bände.
Das Brot ist unberührt, der Wein längst schal.
Wie Liebende verkeilt sind Deine Hände
und unbedacht von ihnen liegt das Mahl.

Und keiner von uns wagt den ersten Bissen,
und keiner von uns wagt das erste Wort,
und jeder von uns nagt an seinem Wissen
und spülts mit einem Schluck Verdrängung fort.

Verhungernd sitze ich der reich bedeckten
Tafel bei und rastlos geht mein Blick
vom Wein der Wahrheit zu der gut versteckten
wunschgeträumten Lüge in Aspik.

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Nicht blind genug

Du bist nicht blind genug. Um mich zu sehen
müssen Deine Augen, zugemacht,
jeder Neugier tapfer widerstehen.

Um mich zu sehen, schaue mit Bedacht,
auf das, was nicht so offen-sichtlich ist,
was Du mit mehr als nur den Augen misst.

Du bist

nicht blind genug, um mich zu sehen,
nicht taub genug, mich zu verstehen,
nicht stumm genug, um auch mal still zu sein.

Du bist kein Gottgeschenk, oh nein.

Verrenk Dich nur, um zu gefallen,
ich seh Dich trotz, nein, wegen allen
Masken, die Du mit Dir trägst,

und, nur falls Du es nicht errätst,

ja, ich bin blind genug, um Dich zu sehen,
ich schließ die Augen, und in meiner Nacht,
seh ich Dich leuchtend vor mir stehen,

so, dass kein Zweifel mehr dazwischen ist,
so, wie Du bist.

 

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Sirenengesang

Die Maske, die durch Deine Poren quillt
wie Angst,
ich kann sie wittern,
den bittren Schweiß
unter dem Du Dich versteckst,
kauernd, zitternd
Deine Wunden leckst.

Du bist so schwach

Willst Du mich glauben machen...
doch ich hör Dein Lachen,
seh die blitzenden Klingen
in Deinen Augen,
hör sie singen, mit jedem Schnitt
jedem Schritt in Dein unsagbares Leid.

Du gehst zu weit

Und ich, ich werde Dir nicht folgen,
diesmal nicht.
Geh nur, ich leide nicht für Dich,
nicht mit Dir, und nicht ohne Dich.
Geh mit Dir selber ins Gericht,
komm zu Dir, und dann bleibe dort

Ganz ohne mich.

 

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Mein Fehler

Ich nehme Dich in die Arme
und es ist immer noch da...
Ich spüre es doch,
es ist immer noch wahr!

Ich halte Dich
einen Moment
länger

als Du mich

und es ist weg.

 

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Kraft der Gedanken

Ich hör Deinen Gedanken
gleich einem Flügelschlag, so laut,
und meine Welt gerät ins Wanken,
er bricht wie wild durch alle Schranken
die ich mir gestern noch gebaut.

 

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Was denkst Du?

In meinem Kopf kreisen tausend Welten
im ewigen Tanz.

Keine von ihnen ist wichtig.

Jede von ihnen ist alles.

 

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Ein perfekter Schluss

Du bist gegangen
ohne ein Wort
des Bedauerns.

Ich stehe am Fenster
und während die Schatten
der Regentropfen
an der Scheibe
Tränen auf mein Gesicht zeichnen,
sehe ich regungslos zu
wie Du die Straße überquerst

und versuche
krampfhaft
nicht
zu lachen.

 

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Abgedriftet

Ich hab schon viel zu lang
nicht mehr von Dir geträumt,
und hab es ach so oft versäumt
an Dich zu denken,
meine Gedanken, sorgenfrei, zu Dir zu lenken
kam mir nicht mehr in den Sinn.

Ob ich wohl endlich angekommen bin,
wo ich mich in den letzten Tagen
voll blinder Wut und leerer Klagen
hingewünscht, nur weg von Dir,
und nie erreicht, so war es mir,

und doch hab ich schon viel zu lang
nicht mehr von Dir geträumt,
ja, hab es auch total versäumt
an uns zu denken,
hab jede traumverlorne Nacht
einsam über mein Herz gewacht

und dabei, ohne es zu lenken
nur noch, allein, an mich gedacht.

 

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Zug um Zug

Ich fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem
Zug ich
fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem Zug

Meine Gedanken ranken sich entlang der Gleise
Leise
Leise
Am Fenster fliegen Kühe vorbei
und Bäume
und Träume
nur ich,
ich sitze hier fest
in meinem Abteil
und fahre und fahre und fahre nur weil
ich den Gedanken nicht ertrug
ganz bei Dir zu sein
ich stieg in den Zug,
ich ließ mich nicht ein
und mein

ganzes Leben rast an mir vorbei,
ich wollte nur frei sei und frei und frei
und bin jetzt gefangen in meinem Abteil
mit fadem Kaffe und trockenen Kuchen
ich wollte es nicht einmal versuchen.
Ich nahm nicht Teil,

nicht einen Teil von Dir in mir auf
ich wartete drauf, dass Du mich nimmst,
meine steilen Klippen erklimmst,
mich umstimmst wie ein altes Klavier,
mich einstimmst auf Dich, jetzt sitze ich hier
und fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem
Zug ich
fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem fahre mit dem

Zug um Zug

Zug um Zug

Und jeder Halt der gleiche Song,
ein Gong, und dann ein nichtssagender Name
und Herr Sowieso sucht eine Dame...
... wer tut das nicht?

Doch fällt das überhaupt ins Gewicht?
Denn wenn wir sie finden, was machen wir dann?
Geraten wir ganz in ihren Bann
oder bannen wir sie aus unsrem Abteil
und reden uns ein, wir waren nur Geil
und suchen unser Heil in der Fluch?

Mein Zug fährt und fährt über eine Schlucht
und ich sehe die rankenden Gleisgedanken,
ich spüre, wie ihre Spannung zerbricht.
Mein Abteil ächzt und knurrt und gerät ins Wanken
ein Koffer fällt mit ganzem Gewicht
auf meine Füße und bricht mein Leben
vor mir aus.

Ein Strauß Socken, der bis zum Himmel stinkt,
ein Brief, aus dem mir Dein Foto zuwinkt,
zwei Kondome, die unsere Nacht überstanden,
ein T-Shirt mit Aufdruck: „Bei mir darfst Du landen“...
das ist wohl von Dir...
eine Plastikzahnbürste, das Ding sieht aus,
als hätte ich sie erst gestern gekauft,
dabei habe ich sie gut und gern schon zehn Jahre...
da sieht man mal, wie oft ich rausfahre
aus meinem Revier...

und vor dem Fenster verblassen die Farben
und es wird Nacht.
um mich herum ist es Dunkel und leer,
ich bin mit mir allein, doch ich will mich nicht mehr
ich wollte Dich
an meiner statt.
Doch weil es mit Dir nichts zu tun hat
fahre ich fort
für mich zu sein
und fahre und fahre und fahre und fahre und fahre

und wenn wir den Tunnel wieder verlassen,
vielleicht hör ich dann auf, mich selbst zu hassen,
vielleicht lassen mich die Gedankenranken
dann endlich los.
Es gibt kein zurück, denn dies ist schon der Rück-Zug.
Das zu verleugnen wäre Betrug,
und dann hätte ich Dich und auch mich betrogen
und Hand aufs Herz, ich bin nicht verlogen,
bin anders erzogen, ’ne ehrliche Haut...
und auf einmal wird es um mich ganz laut.
Der Zug kommt quietschend und alles negierend,
sein langsam werden akustisch verzierend
zum stehen.

Und ich kann sie da drüben schon warten sehen,
im fahlen Licht der Bahnhofsbeleuchtung
sieht sie noch blasser aus als sonst,
sehe sie nach mir Ausschau halten,
seh ihre zarten, kleinen Hände
unruhig miteinander spielen,
eine schrecklich vertraute Geste
wie so vieles an ihr...

Und für einen Moment überlege ich mir
einfach sitzen zu bleiben und weiter zu fahren
und fahren und fahren und fahren und fahren und frei sein
aber das geht nicht.
Hier ist Endstation.
Und da kommt sie auch schon, geht zu meinem Wagon,
und ich packe die Briefe, Kondome, das Shirt
unter die Sitze,
wo sie niemals von Dir erfahren wird,
von Deiner Hitze,
und packe den Rest von meinem Leben
zurück in den Koffer, alles, was eben
noch wichtig war, lasse ich im Zug
zurück

und steige aus
und bleibe stehen
und warte.

 

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Ich kannte Dich

Ich kannte Dich mein Leben lang.

Ich kannte Dich schon, als mein Gang
noch meiner Hände Stütze brauchte.
Ich kannte Dich, bevor ich rauchte,
und auch danach, und zwischendrinnen,
ich kannte Dich, als noch mein Sinnen
nicht nur in der Romantik lag.

Ich kannte Dich schon seit dem Tag
an dem ich lernte, mich zu lieben.
Ich kannte Dich vor all den Trieben,
vor all dem Sehnen und Verzehren,
vor all den falschen und den fairen
Spielen kannte ich Dich schon,

Deine Farben, Deinen Ton,
Deinen Blick auf mir zu spüren,
wie es ist, Dich zu berühren,
wie Du lächelst, wenn Du wegen
etwas Kleinem ganz verlegen
oder ungehalten bist.

Ich wusste schon, wie man vergisst
vor Dir die Masken aufzusetzen,
vor seinem Glück davonzuhetzen,
zu atmen, um Dich nicht zu wecken.
Ich wusste, Dich ganz zu entdecken
braucht ein Leben oder zwei.

Ich kannte Dich, ganz einerlei
ob wir uns je begegnet sind.
Ich kannte Dich, so wie ein Wind
den andren kennt
und seinen Namen flüsternd
in den Zweigen nennt.

 

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